Wie man ein Loch ins Eis bohrt
Yukon: Sieben Tage allein in einer Blockhütte. Ein Selbstversuch
Also doch: Ich bin ein Chechaquo! Das war abzusehen. Doch dass ich so schnell Farbe bekennen muß, habe ich nicht erwartet. Ich versiebe gleich die erste Prüfung. Nach über einer Stunde Hackerei im Eis fällt mir die Axt aus der Hand. Der Schweiß fließt in Strömen, und in dieser Affenkälte ist das gar nicht gut. Die Oldtimer hier oben wissen das. Wer bei minus 20 Grad schwitzt wie ein Ochse, läuft den Rest des Tages in Kleidern umher, die nicht trocknen wollen. Dass das ungesund ist und unter Umständen lebensgefährlich, liegt nahe. Deshalb legen sie, wenn sie im Winter draußen malochen, Pausen ein, sobald ihnen zu warm wird. Zeit ist im Yukon nicht wichtig. Hier dreht sich alles nur um das Eine: Überleben.
Der Chechaquo indes hat sportlichen Ehrgeiz! Höchstens eine Stunde, schätze ich, wird´s dauern, mehr nicht. Zum einen brauche ich dringend Wasser. Zum Trinken, Kochen und Waschen, schließlich habe ich kein fließend Wasser. Zum anderen will ich angeln. Und, im nachhinein gebe ich´s ja gerne zu, ich fand den Gedanken des Wasserholens schön romantisch. Jeden Morgen, noch vorm Rasieren, mit Eimern zum See hinunter marschieren, das war der Natur noch einen Meter näher, das hatte was. Doch nun drohe ich zu scheitern, und zwar ebenso kläglich wie die Greenhorns, die Jack London Chechaquos nannte und die er in seinen Geschichten erfrieren, verhungern und hin und wieder auch erschlagen ließ. Zwischen mir und dem Wasser liegt Eis so schwarz und dick, wie ich H2O noch nie erlebt habe. Selbst nach einer Stunde Schufterei ist das verdammte Loch nicht tiefer als ein halber Meter. Ein Bohrer wäre jetzt prima, aber ich habe ihn als nicht stilecht abgelehnt. Den Rat, die Wände stets senkrecht zu halten, damit das Loch bereits beim Durchstoß groß genug zum Angeln ist, habe ich irgendwie nicht ernst genommen. Meines gleicht einer Schüssel und ist in der Mitte am tiefsten. So kommt es wie es kommen muß. Als ich weitere 20 Zentimeter tiefer endlich Wasser sehe, flutet das Loch so schnell, dass für die Vergrößerung des Durchstoßes keine Zeit mehr bleibt. Zum Wasserschöpfen reicht es. Die Forellen allerdings kann ich mir abschminken: Durch die Ritze da unten werde ich nur schlanke Fischlein herausziehen können..
Jack London hatte vor dem sieben Monate langen Winter im Yukon einen Heidenrespekt. "Die Natur hat viele Möglichkeiten, den Menschen von seiner Sterblichkeit zu überzeugen - der unendliche Wechsel der Gezeiten, das Wüten des Sturmes, die Schrecken des Erdbebens, der rollende Donner des Himmels - aber am betäubendsten von allen ist die totengleiche Ruhe des weißen Schweigens." Als Junge verschlang ich London´s “Ruf der Wildnis” und “Wolfsblut”, Bücher, die von Mut und Muskelkraft handeln und von einer lebensfeindlichen Umwelt, in der nur der Starke überlebt. Darum bin ich hier. Ich will wissen, ob ich in der Lage bin, mich auf einen harten Winter in der Wildnis einzustellen. Ich, der Stadtmensch, für den das Wasser aus dem Hahn kommt und die Wärme aus dem Thermostat. Was sollte ich können da draußen? Holz hacken? Feuer machen? Spuren lesen? Noch wichtiger: Was ist das überhaupt, Einsamkeit? Stille? Wie werde ich ohne Telefon und Internet zurecht kommen? Werde ich mich zu Tode langweilen oder Hüttenkoller kriegen? Bekanntlich hetzte schon Jack London seine Charaktere im “cabin fever” aufeinander .. Oder werde ich mich mit der ungewohnten Umgebung arrangieren? Sieben Tage in der Winter-Wildnis sollen Gewißheit schaffen.
Meine Hütte steht am Westufer des Lake Laberge nördlich von der Hauptstadt Whitehorse und ist im wesentlichen ein Raum mit Tisch, Bett und drei Stühlen. Als Fußboden dienen raue Sperrholzplatten. Strom und fließend Wasser gibt es nicht, dafür habe ich einen Bullerofen und einen Gasherd. In einer Kiste in der Ecke ist Werkzeug. Proviant, wahrscheinlich viel zu viel, habe ich mitgebracht. Vom Tisch aus kann ich durch ein lichtes Wäldchen nach Richthofen Island hinüberblicken, der Insel in der Mitte des Sees. Der Lake Laberge, eher eine 30 Meilen lange Verbreiterung des Yukon River, hat zu Goldrauschzeiten ordentlich was erlebt. Damals schipperten zehntausende Abenteurer unterwegs nach Dawson City hier vorbei. Den Poeten Robert Service, der mit seinen Yukon-Oden berühmt wurde, inspirierte der See zu seinem Harte-Männer-Gedicht “The cremation of Sam Mc Gee”. Darin taut der in der Kälte elend verreckte Goldsucher McGee im Feuer eines Heizkessels wieder auf. Grausam-schön ist die Winterwüste rund um den See noch immer. Gleich hinter meiner Behausung erhebt sich die 2000 Meter hohe Miners Range. Wie die übrigen den Klondike Highway begleitenden Bergketten erstreckt auch sie sich ereignislos von Norden nach Süden. Keine einzige markante Bergspitze unterbricht die weiße Monotonie der runden Kuppen, nichts stellt sich der aus der Arktis kommenden Kälte entgegen. Service verstehen fällt hier nicht schwer. Für den Dichter, der dieser Weltgegend zeitlebens in Haßliebe verbunden war, war der Yukon einst nicht nur das schönste, sondern auch das “verfluchteste Land”. Für mich also das ideale Testgelände.
Die Sache mit dem Loch verpaßt meiner Euphorie jedoch einen Dämpfer. Das hatte ich mir leichter vorgestellt. Und romantischer vor allem. Es ist so wie es ist: Heute habe ich eines von zwei Zielen nicht erreicht, im Ernstfall eine Katastrophe. Auf dem Rückweg zur Hütte komme ich wieder in´s Schwitzen. Vorerst habe ich noch Glück. Über dem See rührt sich kein Lüftchen. Wind würde die subjektiv gefühlte Kälte - schon jetzt ist es so kalt, dass Speichel knisternd auf den Schnee aufschlägt - vervielfachen. Der Schlitten zieht sich nun schwerer, klar, der Wasserbehälter ist ja voll - eine banale Erkenntnis, deren Konsequenz mir erst jetzt schmerzhaft bewußt wird. Zurück in der Hütte muß ich feststellen, dass ich zuwenig Holz nachgelegt habe. Der Ofen ist aus, drinnen ist es so kalt wie draußen, und ich kühle verdammt schnell aus. Gottseidank sind noch ein paar Scheite übrig. Die nächsten Jobs sind (über-)lebensnotwendig: Holz hacken, Feuer machen und Wasser aufsetzen, damit stets heißes Wasser zur Hand ist. Vorsorge ist die halbe Miete, der Ofen darf nicht mehr ausgehen. Erst am frühen Nachmittag komme ich zur Ruhe. Erst über der wärmenden Ofenplatte bemerke ich die Holzsplitter in meinen Händen. Gegessen habe ich zwar noch nicht, doch dafür habe ich schon soviel Gewicht bewegt wie sonst in einem Monat nicht. Ich bin völlig erschossen. Nach einem Vier-Eier-Omelette genehmige ich mir eine Siesta. Aus dem Nickerchen wird ein zweistündiges Koma.
Während der nächsten Tage stellt sich Routine ein. Wasser holen, Wasser lassen (im Plumpsklo neben der Hütte oder an beliebigem Baum), Holz hacken und ständig nachlegen, Wasser aufsetzen, Essen kochen, essen, abwaschen, Spülwasser entsorgen: Der Hüttenalltag ist ziemlich prosaisch und hält einen auf Trab. Zum Lesen - vorsichtshalber hatte ich vier Bücher mitgebracht - habe ich zunächst gar keine Zeit. Stattdessen beobachte ich, wie sich bestimmte Tätigkeiten in Rituale verwandeln. Kaffee kochen zum Beispiel und dem warmen Dampf auf seinem Weg durch die Hütte nachschauen. Brotscheiben auf den Ofen legen und den Toastduft genießen. Oder Brennholz nachlegen und die um die Scheite leckenden Flammen beobachten. Und minutenlang in die Stille horchen. Dabei wird die Uhr im Kopf immer langsamer. Draußen verwandelt sich die Kälte vom Feind zum Komplizen. Kleinere, nicht länger als zehn Minuten dauernde Verrichtungen rings um die Behausung werden ohne Mantel erledigt. Ich wasche mich sogar im Schnee. Größere Aktionen absolviere ich von mehreren Kleidungsschichten geschützt: Die Fehlerserie am Eisloch hat mich für mögliche Konsequenzen sensibilisiert. Was, wenn es minus 40 gewesen wäre statt minus 20? Es windig gewesen wäre? Und ich unbedingt einen Fisch hätte fangen müssen? Ich darf mir nichts vormachen. Müde, hungrig und naßgeschwitzt hätte ich alt ausgesehen.
Die größte Herausforderung meinte ich aus Jack London´s Büchern schon zu kennen. Dann aber trifft sie mich doch noch völlig unvorbereitet. Als ich eines Morgens nach Richthofen Island aufbreche, um nach einer alten Goldrausch-Hütte zu suchen, herrscht Bilderbuchwetter. Der Himmel ist stahlblau und wolkenlos und läßt die Seele abheben. Unter mir spannt das Eis knackend die Muskeln. Nach drei Stunden erreiche ich die Hütte. Sie steht auf einer kleinen Anhöhe, verfallen, dunkel, geheimnisvoll. Zu Goldrauschzeiten, heißt es, habe sie einem Mann gehört, der die hier jeden Sommer geparkten 500 Schittenhunde versorgt habe. Ich verzehre meinen Proviant, mache ein paar Fotos und begebe mich gutgelaunt auf den Heimweg. Doch dann schieben sich Wolken vor die Sonne. Augenblicklich verschwinden alle Farben. Selbst das Rot meines Mantels wirkt matt. Die morgens noch strahlendweiße Schneedecke verwandelt sich in ein grau-weißes Leichentuch. Das fahle Licht sägt an meinen Nerven. Auf einmal wäre ich am liebsten woanders. Das Knacken im Eis registriere ich nunmehr mit Unbehagen. Die sieben Kilometer über das Eis zurück zur Hütte sind plötzlich gnadenlos lang: Ich gehe und gehe, doch mein Ziel kommt nicht näher. Einmal halte ich kurz an und lausche - und gehe schnell weiter. Die Stille ist nicht auszuhalten. Nichts rührt sich, nichts bewegt sich. Die Oldtimer sagen, die Ruhe mache taub, da man glaubt, sein Gehör verloren zu haben.. Dies ist das weiße Schweigen, das Jack London meinte.
Den letzten Kilometer marschiere ich im fahlen Mondlicht. Das scheint, die Wolken haben sich verzogen, heller als vorhin noch die Sonne. Die reglos dastehenden Bäume werfen blau-schwarze Schatten auf den Schnee. Zum Schluß schafft es die Kälte doch noch unter meine Kleider. Als die schwarzen Umrisse meiner Hütte in Sicht kommen, fällt mir ein Stein vom Herzen. Drinnen wartet ein kleines Erfolgserlebnis: Der Ofen ist noch an. Während meiner Rituale kommt die Sicherheit zurück, die mir auf dem Rückweg abhanden gekommen war. Nachts wache ich einmal kurz auf. Es ist zu still. Ich stehe auf und ziehe die schwere Werkzeugkiste vor die Tür. Sieht ja keiner .. Sieben Tage halte ich es hier bequem aus. Aber einen ganzen Winter?
Ole Helmhausen
Nachtrag
Die Stille zu hören und die klare Luft zu atmen, war ein tolles, unbezahlbares Erlebnis. Noch schwerer als die Einsamkeit zu ertragen war es allerdings, eine “richtige” Blockhütte zu finden. Ihr wißt schon: Die aus den Kanada-Broschüren, aus dicken, handgehauenen Baumstämmen zusammengesetzt und drinnen mit Fellen, Schneeschuhen und zerbeultem Blechgeschirr. Die gibt´s nämlich nicht mehr. Die Yukoner sind moderne und vor allem praktische Vertreter und haben keinen Sinn für Jack-London-Romantik wie unsereins, sondern wollen vor allem eins: moderne, möglichst billige, leicht zu transportierende und schnell zu installierende Annehmlichkeiten auch draußen in ihrer Hütte. Deshalb hatten wir kein Dach aus moosbewachsenen Erdklumpen, sondern ein mit Teerpappe gedecktes, sowie einen Sperrholzfußboden und ums Spülbecken herum jede Menge Linoleum.
Die Reise, die nötig war für diese Geschichte, erschien 2006 im Januarheft von GEO Saison. In einer “umformatierten” Version.
Falls Euch die Geschichte zum Nachreisen inspiriert, hier ein paar www.s zum Weiterlesen..
Wildnis und Hüttenleben, www.yukonwild.com
(Nicht nur) Hüttenvermietung, www.kanoepeople.com